2025 Kalender / programm

2025

Jahresprogramm: „Grow“
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„Cosimo kletterte bis zur Gabelung eines dicken Zweiges hinauf, der ihm bequem Platz bot, und dort blieb er sitzen, ließ seine Beine hinunterbaumeln, kreuzte die Arme, indem er die Hände unter die Achselhöhlen steckte, und vergrub seinen Kopf zwischen den Schultern, während ihm der Dreispitz über die Stirn rutschte. Unser Vater neigte sich aus dem Fenster heraus. „Wenn du das Sitzen da droben satt hast, wirst du’s dir anders überlegen“ rief er ihm zu. „Das werde ich mir nie anders überlegen“, antwortete mein Bruder von seinem Zweige […] und er hielt Wort.“ (Aus Italo Calvinos „Der Baron auf den Bäumen“) Das NEIN ist ein verführerisch-starkes Konstrukt, aber was gibt es neben der Verweigerung?

„grow“ ist der thematisch-assoziative Anknüpfungspunkt für die Künstler*innen, die 2025 im Künstler*innenhaus FRISE ausstellen. Die Ausstellungen des Jahresprogramms umkreisen auf verschiedenen Ebenen das Ranken und Mäandern, das In-Frage-stellen, das (Er)Wachsen und Erweitern. Das Begehren nach grenzenlosem Fortschritt scheint den Menschen, ein scheinbar endloses Wachstum unserer Welt immanent zu sein. Möchte man sich dem verweigern? Und wenn ja, wie? Ist es möglich, sich einer zwingenden Entwicklung zu entziehen? In welcher Beziehung steht das kapitalistische Wachstum des Anthropozäns zu der steten, stillen Cytokinese von Lebewesen? Anna Lowenhaupt Tsing folgt in ihrem Buch „Der Pilz am Ende der Welt. Über das Leben in den Ruinen des Kapitalismus“ den unterschiedlichen Wachstumssträngen des Matsutake-Pilzes unserer Welt. Kaleidoskopartig beschreibt sie das Wachsen des wertvollen Speisepilzes. Sie geht seinen Verformungen und Neuansiedelungen an unerwarteten Orten nach, sowie den kapitalistischen Wegen, die auf den Spuren dieses Pilzes eingeschlagen werden. Ihr Wunsch ist, dass sich Wissen und Wissenschaft zu einer „kosmopolitischen“ Geschichte hin öffnen. Sie nutzt den Matsutake als Symbol und Mittel, um auf Überschneidungen von akademischem und volkstümlichem Wissen hinzuweisen – und mit diesem nicht zu einem Ende zu kommen, sondern zu einem ständigen Neubeginn.

Unser Jahresthema „grow“ bildet den Rahmen für die verschiedenen Aspekte des Wachsens – physisch, mental, gesellschaftlich, ökologisch und digital. In den Ausstellungen greifen die Künstler*innen dies auf vielfältige Weise auf, wobei sowohl das individuelle Wachstum als auch das kollektive Weiterentwickeln verhandelt werden: Axel Loytved thematisiert beispielsweise in „Homegrown“ den Kreislauf von Wert und Wertlosigkeit durch das Sammeln und Umformen von Alltagsmaterialien. Das Kollektiv Drawing deCentered nutzt Wetterdaten, um in „Atmospheres“ die Beziehung zwischen Raum, Emotionen und Architektur zu erforschen. Lulu McDonald interpretiert Rauch in „Wild Fire“ als ökologischen Vektor, der Leben transportiert und Ökosysteme beeinflusst. Anna Skov Hassing hinterfragt in „Single“ Maßstäbe und Zeit mittels Malerei und Installation und verbindet menschliche Wahrnehmung mit technologischen Entwicklungen. So entsteht im Laufe des Programms ein vielfältiger Dialog über die unterschiedlichen Spielarten von Wachstum, der sich in den Werken als persönlicher wie gesellschaftlicher Prozess widerspiegelt. Wir laden ein, darüber nachzudenken, was es bedeutet, zu wachsen – und wie unterschiedlich dieser Prozess für die Einzelnen aussehen kann.

Neben den unterschiedlichen Ausstellungen mit ihren künstlerischen Auseinandersetzungen ist das Artist-in-Residence-Programm (AiR) ein zentraler Bestandteil der FRISE. Für Künstler*innen, die von außerhalb anreisen, steht das Gastatelier als Wohn- und Arbeitsraum zur Verfügung. Die Möglichkeit vor Ort zu leben und zu arbeiten, ist eng mit dem Jahresprogramm verknüpft und ermöglicht es den Künstler*innen, sich intensiv mit ihren Projekten auseinanderzusetzen. Die Künstlerinnen des Kollektivs Young Valley Soil leben beispielsweise in verschiedenen europäischen Städten. Um ihre kollektive Praxis zu reflektieren und gemeinsam fokussiert an einem Ort arbeiten zu können, ist die 3-wöchige Residenz im Künstler*innenhaus FRISE unerlässlich. Sie werden vor Ort die Ausstellung „Long Swallow“ erarbeiten und die Zeit für Recherche und Vernetzung nutzen. Um diese wichtige Ressource des Gastateliers weiterhin anbieten zu können, sind wir auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Die Förderung des Jahresprogramms trägt also auch dazu bei, den Gastkünstler*innen in Zukunft weiterhin gute Arbeitsbedingungen zu bieten.



Tatsuya Fujii

OKTOBER

8. – 31.10.
Long Swallow
Young Valley Soil: Elisa Nessler, Francisca Markus, 
Cristina Rüesch, Elina Saalfeld

NOVEMBER

7. – 9.11.
Play Along-Ding Dong
Ina Arzensek 

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14. – 16.11.
Psycho Gardening
Frank Brovira, Gunilla Jähnichen, Susanne Ring 

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23.11. um 16 Uhr
Rezyklate, Restlöcher (Buchvorstellung + Lyriklesung)
Julia Dorsch, Anja Engst, Regine Steenbock
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18.11. um 19 Uhr
Was filmt eigentlich Jeanne Faust? Und Warum?
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28. – 30.11.
Und der Mond bleibt 
Tomas Engel, Dorothea Heinrich

DEZEMBER

5. – 7.12.
Wachsen
Doris Schneider
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12. – 14.12.
Last Minute
Fris*innen und weitere Künstler*innen
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19. – 28.12.
The Big Five
Anna Myga Kasten